Warum Computerspiele Hanteln für den Geist sind

Ein Freund fragt: Sinnvoll, dass sich mein Elfjähriger eine mobile Konsole kauft? Ich antworte: Kauft lieber eine Konsole mit zwei Controllern, spielt gemeinsam – und mehr.


Kind und Nintendo DS: Spielt lieber gemeinsam an einer Konsole, rate ich. (Illustration: Game by Edward Boatman / Noun Project)
Kinder und Games: Es ist das, was Du damit machst – „Du klingst wie die National Rifle Association“, entgegnet Patrick. (Illustration: Game by Edward Boatman / Noun Project)

In seiner Klasse haben ihn alle, diesen 3DS, das mobile Gaming-Gerät von Nintendo. Jetzt will er ihn sich auch kaufen, sein Elfjähriger. Will dafür selbst 100 Euro beisteuern von seinem selbst Erspartem. „Aber ist das sinnvoll“, will mein Kumpel Patrick wissen, ein Anfangvierziger mit vier Kindern. „Ist das Gerät gut? Was kann er damit spielen?“

Wunderbar, sage ich zunächst. Nintendo kannst Du bedenkenlos kaufen, deren Spiele sind alle kindgerecht – vor allem die, die „Mario“ im Namen haben. Zudem kostet jedes Spiel eininige Dutzend Euro, Dein Sohn wird also in der Regel erstmal nur ein Spiel haben. Und das halte ich für einen guten, weil nicht zu komplexen, Einstieg in die Welt der mobilen Konsolen. Er denkt nach und sagt: „Aber an unserer 30 Minuten-pro-Woche-Regel wird das nichts ändern.“

Meine Zockstunde: Gemeinsam gegen das Game

Spielt ihr denn mit euren Kindern, will ich wissen. „Soweit sind wir noch nicht.“ Also erzähle ich ihm von unserer Zockstunde von 19 bis 20 Uhr, ein Ritual meiner Söhne und mir. 60 gemeinsame Minuten Playstation, die oft 90 werden. Immer kooperative Spiele: Wir gegen das Game, zum Beispiel die Fußballsimulation FIFA. Finde ich besser, erzähle ich, weil der Junge dann nicht alleine spielt. Und weil Du mitkriegst, was er da überhaupt treibt. Schonmal Minecraft ausprobiert? „Nein.“

Es ist eben immer das, was Du mit dem Gerät machst, sage ich. „Du klingst wie die National Rifle Association“, antwortet er. Nicht Waffen sind das Problem, sondern der Mensch, propagiert die NRA schließlich. Dein Vergleich spricht Bände, sage ich. Spiele mit Waffen in eine Schublade zu zwängen, das zeigt,  dass Du sie für eine Gefahr hältst. Erinnert mich an die Angst vor der Lesesucht im 18. Jahrhundert – damals, als Bücher Massenware wurde. Überhaupt an jede Angst vor einem neuen Medium.

„Ich sehe die Gefahr nicht im Spiel selbst“, entgegnet er. „Sondern eher darin, dass stumpfes Konsumieren Kraft absorbiert, die Kinder in Offline-Aktivitäten stecken könnten.“ Langeweile sollte nicht immer im geleiteten Computerspiel enden – sondern in irgendeiner Art von Entwicklung, Idee, Kreativität. Ich stimme zu und zitiere den Psycholgen Georg Milzner, der Games für problemlos hält, wenn das Leben viel- und reichhaltig ist. (Videospiele für Kinder: „Computer machen weder dumm noch krank“ – SPIEGEL)

Computerspiele: Hanteln für den Geist

Und ich hole aus. Spreche über den RPG Maker, einem Tool, mit dem meine Jungs eigene Rollenspiele am Computer entwickeln und ausprobieren. Die richtige Software fördert also auch Kreativität. Zudem halte ich Computerspiele für Hanteln für den Geist („Aus Spaß wird ernst“, mein Artikel über Serious Games – NEON), weil wir üben, Entscheidungen zu treffen. Weil wir üben, komplexe Systeme zu managen. Zudem erweitern sie Perspektiven. „Spiele geben uns die Möglichkeit, anders über Dinge zu reflektieren, über den Horizont hinaus zu sehen. Sie helfen mir zu erleben, was ich sonst nicht erleben kann. Und das erweitert meinen Blickwinkel – auf alles“, erzählte mir Linda Breitlauch, Professorin für Intermedia Games von der Hochschule Trier (Im Rahmen meiner Recherche zur Zukunft des Computerspiel für die Zeitschrift MAX).

Und noch besser sind sie, wenn man mit Games zu mehreren erlebt. Denn dann bekommt das Spiel seinen Ur-Sinn zurück: Gemeinschaft. In der Zockstunde lachen wir gemeinsam, wir schreien, sind auch mal wütend, wenn der andere einen Fehler macht – und Rapid Wien das 1:2 in der 90. Minute kassiert. Das gemeinsame Game ist die digitale Fortsetzung des Skat-Abends, der Mensch-Ärger-Dich-nicht-Runde. In Falle der „Zockstunde“ mit dem Unterschied, dass die Gemeinschaft nicht gegeneneinander spielt, sondern zusammen gegen einen externes System.

Deswegen: Kauft euch lieber gemeinsam eine Spielkonsole rate ich, eine Wii U zum Beispiel. Und spielt zusammen. Dann wirst Du sehen, warum Games wie Mario Kart grandios sind. Warum Games keine Waffen sind (Sondern der Umgang damit meiner Meinung nach auch eine Kompetenz der Zukunft – World of Mencraft). Und Du wirst das Wichtigste überhaupt erleben, besserwissere ich: Du wirst Zeit mit Deinen Söhnen verbringen.

Ein paar Tage später telefonieren wir. Sein Sohn hat nun einen DS, eine Konsole sei der  nächste Schritt. „Der gemeinschaftliche Aspekt hat auch meine Frau überzeugt“, sagt Patrick.

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3 Gedanken zu “Warum Computerspiele Hanteln für den Geist sind

  1. Als Mutter von 3 Jungs 5, 7 und 9 wird bei uns das Thema nun auch aktuell. Da helfen Ihre vielen Einsichten, die die guten Seiten der Games beleuchten, die eigenen Vorurteile abzubauen.

    Bei uns wird jetzt erstmal Minecraft ausprobiert. Und der Große will auf eine Wii U sparen. Bis er das Geld zusammen hat, hat er uns Eltern vermutlich auch überzeugt…

    World of Mencraft ist eine echte Perle! Unterhaltsam, persönlich, gut geschrieben und informativ.

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    1. Liebe Antje,

      ach, so ein Kommentar tut richtig gut. Danke dafür.

      Der Tipp mit dem Mitspielen ist natürlich unfair. Denn ich selbst habe (Computer-)Spiele schon immer geliebt. Darunter: Digital-Fußball. FIFA zum Beispiel halte ich für großartig, weil man es zusammen spielen kann. Und es kleine Trainings bietet, mit denen man sich ins Spiel reinfinden kann. Also auch Einsteiger – wie Du 🙂

      Grüße, Maximilian

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