Fehlende Digitalkunde an Schulen: Weil wir Angst vor Neuem haben

Die Digitalisierung schreit nach neuen Kompetenzen – Medienkompetenz, Kreativität, Kollaboration, Psychologie oder Programmieren. In Deutschland aber werden diese Skills an Schulen nicht flächendeckend vermittelt. Ein Fach „Digitalkunde“ würde eine weitere Bildungsungerechtigkeit vermeiden.

Digitalkunde: Programmieren, Medienkunde, Kollaboration, Kreativität lehren (Foto: Iconathon, The Noun Project)
Digitalkunde: Programmieren, Medienkunde, Kollaboration, Kreativität lehren (Foto: Iconathon, The Noun Project)

Warum lehren wir unseren Kindern in der Schule Biologie? Bakterien zum Beispiel, Fotosynthese, Evolutionstheorie? Um ihnen einen wichtigen Teil unserer Welt zu erklären: das Leben an sich. Aber nicht, damit alle Biologen werden.

Ein neuer, rasant wachsender Teil dieses Planeten ist Digitalien. Wie eine Folie legt es sich auf unser Leben, was sich zum Beispiel in der Ökonomie bemerkbar macht: Erst stöhnt die Musikindustrie, weil ihr Produkt nun teilbarer ist als eine Eizelle. Später ächzen die Journalisten, weil nun jeder ihre Arbeit machen kann. Bald sind es die Taxifahrer, die von einer Software abgelöst werden. Die Prognosen sind eindeutig: Irgendwann wird die digitale Welle auch das letzte Eck unseres Lebens erfassen.

Digitalkunde: Mehr als Programmieren lernen

Warum aber lehren wir diesen Teil der Welt nicht flächendeckend unseren Kindern? Computerviren, Netzwerke, das Mooresche Gesetz? Nicht, damit sie Programmierer werden. Sondern um ihnen diese Welle und deren Auswirkungen zu erklären. In einem Fach namens Digitalkunde. Ein Fach, das mehr vermittelt als die Arbeit mit Computern: eine konstruktive, gestalterische Haltung zur digitalen Welt. Eine Vorbereitung auf eine zunehmend technologisierte und komplexe Zukunft. Ein Fach mit Themen wie:

  • Umgang mit Medien: Kinder 2016 machen selbstverständlich und intuitiv, was im Prä-Netz-Zeitalter nur Berichterstatter konnten: Informationen zusammenstellen und senden. Warum geben wir ihnen nicht eine Art journalistisches Schutzwissen mit? Quellen prüfen, Falschmeldungen erkennen, Urheberrecht. Ein paar Regeln zum Storytelling: Bildsprache, Dramaturgie kurzer Netz-Texte, gar Videos? Oder Medienmoral mit Cybermobbing und Eigenverantwortung des digitalen Fußabdrucks?
  • Förderung der Kreativität: Wenn der 3D-Drucker daheim den Spielzeugersteller, wenn Software die Sekretärin ersetzt – was machen wir Menschen dann? Wir erfinden uns neu. Warum bringen wir nicht allen Kindern Methoden bei, wie sie Ideen in Produktprototypen umwandeln? Dazu die Grundlagen des Unternehmertums, von Geschäftsmodellen?
  • Üben von Kollaboration: Wenn wir in Zukunft zunehmend in Netzwerken arbeiten, uns schnell mit neuen Menschen zu einer Gruppe formieren, um ein Produkt zu erfinden – warum üben wir mit unseren Kindern nicht schon heute konstruktive Kommunikation, Empathie, das Einigen auf eine Idee, auf ein Ziel – überhaupt: Psychologie?
  • Und natürlich, Programmieren: Das Latein der Zukunft. Das digitale Fitnessstudio für den Geist. Die Sprache, die heute und bald noch mehr Bereiche unseres Lebens steuert, erleichtert, berechnet. Wenn in Zukunft der Code überall steckt: Warum bringen wir Kindern nicht heute bei, was If-Then-Else bedeutet? Warum lassen wir sie nicht alle Programme, Apps, kleine Games schreiben?

Früher die Angst vor der „Romanleserey“, heute vor der „Digitalen Demenz“

Weil wir Angst vor Neuem haben. So, wie wir das immer haben, wenn ein frisches Medium das Licht der Welt erblickt. Platon befürchtete, Schrift könne Gedächtnis-Apathie befeuern. Später warnte der Philosoph Johann Adam Bergk, dass auf gedankenlose Lektüre Scheu vor Anstrengung folge. Damals hieß die Bedrohung „Romanleserey“, das heutige Äquivalent ist die „Digitale Demenz“: Heute argwöhnen deutsche Lehrer, dass digitale Medien im Unterricht die Fähigkeit zerstören, in Büchern zu recherchieren. Im bald völlig ausgestorbenen Brockhaus zum Beispiel?

Dabei geht es in einer Zeit des ubiquitären Wissenszugangs nicht mehr darum, Informationen zu lernen. Sondern Methoden zu kennen, wie man mit Wissen umgeht. Und: Es geht nicht um das Ersetzen relevanter Kompetenzen wie dem Lesen oder Schreiben. Sondern um ein Erweitern dieser Kernfähigkeiten. Nämlich um solche, die heute und in Zukunft noch wichtiger werden.

England oder Estland machen es vor – beide Länder haben das Programmieren bereits ab der ersten Klasse eingeführt. In Deutschland sind es Privatschulen oder Unternehmen, die dem Nachwuchs das Schreiben von Programmzeilen und das Steuern eines Roboters lehren. Oder die Events veranstalten, in denen Kindern in Gruppen das Prototypisieren von Ideen erlernen.

Aber was geschieht mit einem Land, in dem sich lediglich einzelne Eltern, Lehrer oder Unternehmer um die digitale Muskelkraft der nächsten Generation kümmern? Es wird unfair. Wissensrationen werden ungleich verteilt, nicht-digitale Bildungsghettos entstehen. Ob ein heutiges Kind auf dem Arbeitsmarkt von morgen reüssiert, das entscheiden Eltern plus Umfeld – wenn sie gebildet, reich und nun auch ein bisschen visionär sind. Und das kann niemand wollen, der Bildungsgleichheit als zentrales Gut einer gerechten Gesellschaft sieht.

 

Hinweis: Diesen Artikel habe ich bereits auf Xing und bei Focus veröffentlicht.

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