Skills der Zukunfts: Was Schulen verpennen, übernehmen Unternehmer

Programmieren, innovieren, kollaborieren: Mit dem digitalen Wandel werden andere Fähigkeit wichtiger. Diese Skills allerdings vermitteln in Deutschland kaum Schulen und Hochschulen – sondern zunehmend Unternehmer.

Schnarchende Pädagogen: Schulen und Hochschulen verschlafen den digitalen Wandel (Foto: Sleeping by Icon54 / Noun Project)
Schnarchende Pädagogen: Schulen und Hochschulen verschlafen den digitalen Wandel (Foto: Sleeping by Icon54 / Noun Project)

So etwas wie Müll existiert nicht. Jedes Ding, jedes Zeug, jeder Rest kann eine neue Funktion erhalten, erklärt der Moderator und kündigt an: „Heute werden wir etwas erfinden – etwas, das ein Problem löst, etwas das ihr wichtig findet.“ Vor ihm sitzen 30 Kinder auf getürmten Kissen-Quadern. Eines der Kinder meldet sich, spricht von „Plastikverpackung“ und dass diese eine Quelle für Öl sei. Es entsteht eine Diskussion über die Herausforderung, wie man Kunststoff einsammeln könnte. Und wo. Schließlich setzen sich Mädchen und Jungs an Tische – und beginnen, eigene Lösung zu skizzieren.

Emer Beamer erinnert sich gut an diesen Event, damals 2014. Die 46-Jährige ist Gründerin dieser Designathons: Kreativ-Kurse für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren, bei denen die Teilnehmer unter pädagogischer Anleitung versuchen, gesellschaftliche Fragen der Zukunft prototypisierend zu beantworten. Die weltweite Erst-Ausgabe findet vor zwei Jahren in fünf Städten auf drei Kontinenten statt, im November 2016 folgt Episode zwei, dazwischen veranstalten Kollegen auch nationale Versionen – darunter in Deutschland. Der Name ist eine Wort-Neuschöpfung, komponiert aus der Innovations-Methode „Design Thinking“, dessen Ansatz die täglichen Herausforderungen von Zielgruppen ist, und „Hackathons“: ursprünglich Team-Wettbewerbe im Programmieren (Englisches Synonym: „to hack“) mit einer Länge von ein bis zwei Tagen – eine Analogie zu einem Marathon. „Wir vermitteln Skills des 21. Jahrhundert“, sagt Beamer.

Digitaler Darwinismus: In Deutschland reagieren nur Unternehmer

Ein Jahrhundert, in dem sich viel geändert hat – und noch mehr wandeln wird. Maschinen übernehmen zunehmend menschliche Arbeit, körperliche als auch geistige: Algorithmen beginnen Flugzeuge zu landen, als Chat-Bots auf Kundenanfragen zu antworten oder in Krankenhäusern zu operieren. Laut einer Studie der Oxford-Universität erledigt Kollege Roboter bald fast die Hälfte der Jobs in den USA. „Digitaler Darwinismus“ nennt das die Bertelsmann-Stiftung in ihren Papier „2050: Die Zukunft der Arbeit“. Zudem beschleunigt sich die Geschwindigkeit der Innovationszyklen. Was bleibt dem Menschen dann, der bald zunehmend vernetzt und digital, mobil und multilokal arbeitet? „Kreative Tätigkeiten, die voraussehbar nicht maschinell substituierbar sind“, prognostiziert die Universität St. Gallen in ihrer Studie „Arbeit 4.0: Megatrends digitaler Arbeit der Zukunft“. Und Emer Beamer antwortet: „Innovation und Kollaboration.“

Das neue Zeitalter will neue, berufsunabhängige Kompetenzen. Doch diese Fähigkeiten vermitteln Schulen, Universitäten und Berufswelt in Deutschland bislang nicht flächendeckend, maximal diffus. Zwar will die Bundesregierung viele Millarden in die digitale Ausstattung investieren – dieser Plan allerdings dauert bis 2021 und vergisst, dass nicht ein WLAN-Zugang oder ein iPad digitale Skills vermittelt. Sondern digital denkende Didakten. Aber die finden sich selten unter Lehrern.

Sondern bislang nur unter Unternehmern und vereinzelt bei Eltern oder Erziehern. Sie bieten diese neue Lehre an: Kreativität, die vernetzte Zusammenarbeit, das Verstehen von Maschinen, das Sprechen ihrer Sprache. Dazu: Medienkompetenz, Unternehmertum und Resilienz – die Fähigkeit nach Niederlagen aufzustehen und eine neue Idee anzugehen.

Programmieren: Beispiel Digitalwerkstatt

Eine dieser Unternehmer ist Verena Pausder. Im Februar startet die 37-Jährige die Digitalwerkstatt in Berlin. Eine Einrichtung, in der heute über 800 Kinder zwischen fünf und 14 Jahren pro Woche neben der Schule den kreativen Umgang mit Code, Robotern oder Smartphones üben. Sie steuern über ein selbst erstelltes Programm eine virtuelle Katze, verbinden eigens gebastelte Fantasiewesen aus Recycling-Material mit digitalen Steuerungen und drehen Animationsfilme – mit Plastik-Spielfiguren, Papier-Drehbuch und Fotos via iPad.

Alles dreht sich hier um das Verständnis und die Mitgestaltung der digitalen Welt – warum ist dabei Programmieren relevant? „Es ist die Sprache, die jeden befähigt, digital Produkte zu entwickeln“, sagt Pausder. Die Fertigkeit, in diesem Neuland zu kommunizieren: „In der digitalen Welt bringt es wenig, wenn Du Deutsch oder Englisch sprichst“, erläutert sie. „Damit kannst Du dort nichts kreieren.“

Unternehmertum: Beispiel Startup Teens

Ein anderer ist Hauke Schwiezer, der 39-Jährige ist Geschäftsführer von Startup-Teens. 160 Unternehmen unterstützen diese Initiative, die junge Menschen zwischen 14 und 19 seit 2015 ermutigt und es ihnen ermöglicht, eigene Ideen in Geschäftsmodelle umzusetzen. 150 Teams haben im ersten Jahr mitgemacht, im Juni haben die Macher sechs Sieger mit Geld plus Mentorenprogramm belohnt. Gewonnen haben unter anderem ein Kaffeebecher, der über Emojis die Temperatur des Inhalts kommuniziert, schallschluckende Fenster oder ein lokales Datensicherungssystem. Runde zwei beginnt diesen Oktober.

„Unternehmerisches Denken und Handeln braucht heute jeder – ob als Entre- oder Intrapreneur“, sagt Schwiezer. Die Welt wird globaler, der Wettbewerb härter. Innovieren sollte Routine werden, inklusive das dabei wahrscheinliche Scheitern. „Neue Jobs entstehen durch Startups“, erläutert Schwiezer – und verweist auf zwei jüngere Untersuchungen: 75 Prozent der neuen Arbeitsplätze entstehen in den USA in Unternehmen, die maximal zehn Jahre alt sind. Zweitens: In Deutschland gründen aktuell zwei Prozent der Unter-35-Jährigen. Der europäische Durchschnitt: fünf Prozent. „Die großen Gründungen in den letzten Jahrzehnten fanden außerhalb Deutschlands statt.“

Haltung: Beispiel Shiftschool

Eine dritte ist Tina Burkhardt. Die 38-Jährige hat 2015 mit ihrem Ehemann Tobias die Shiftschool gegründet, eine Akademie für den Digitalen Wandel, die „konsequent auf die Bedürfnisse des digitalen Zeitalters ausgerichtet ist“, wie sie kommuniziert. Die 18 Monate Skills und Methoden vermittelt, „die Du sofort im Job anwenden kannst.“ Und die ihren Lehrplan beginnt mit: „Mindset für Gestalter der digitalen Transformation.“

„Es geht um eine neue Haltung, eine neue Offenheit“, sagt sie. Offenheit für die Veränderung, die diese weltumspannende Folie aus Einsen und Nullen mit sich bringt. Offenheit für die eigene Veränderung. „Wer bin ich? Was kann ich? Welche Werte sind mir wichtig?“, präzisiert Burkhardt. Und: Offenheit für lebenslanges Lernen.

Antithese: „Programmieren wird überschätzt“

„Was wir in Zukunft nicht brauchen“, sagt Ralf Lankau, „sind spezielle Digitalkompetenzen“. Der Professor für Mediengestaltung und –theorie an der Hochschule Offenburg plädiert stattdessen für mehr Mathematik und Ästhetik – und eine tiefere Besinnung auf ursprüngliche soziale, sprachliche, logische und körperliche Kompetenzen. Er rät zu mehr Gestaltungsunterricht, „malen, modellieren, musizieren“ – Fertigkeiten, unabhängig von Computern, Bildschirmen und deren neuesten Entwicklungen.

Programmieren ordnet er zudem als überschätzt und gefährlich ein. „Wer kein Einspritz-Ventil bauen kann, kann dennoch Autofahren. Und: „Programmieren zerstört das freie, assoziative Denken bei Kindern, zerstört die Fantasie.“ Seine Argumentation: Programmiersprachen und ihre vorgegebenen Muster engen den jungen Verstand ein. „Dabei denkt der Mensch bunter, vielfältiger, intuitiver, in Bildern.“ Das gelte es in frühen Menschenjahren zu bewahren. Sein Vorschlag ist analog zur Verkehrserziehung: „Die Kinder langsam und altersgemäß an digitale Technologie heranführen.“

Zurück zu den innovierenden Kindern, zum Designathon, zu Emer Beamer: Aus den ersten Ideen und Skizzen sind inzwischen Prototypen entstanden. Darunter ein Roboter, der Müll einsammelt und in Treibstoff umwandelt. Oder ein fernsteuerbares Boot, dass Plastik aus dem Meer fischt. Schließlich stellt eine Gruppe ein selbst gebasteltes Modell eines U-Boots vor, das mit Solar-Energie fahren soll und dank eines Helium-Ballons lautlos und somit fischgerecht aufsteigt. „Um die steigende Komplexität unserer Welt zu beherrschen, brauchen wir in Zukunft mehr kreative Menschen in Entscheidungspositionen“, sagt Emer Beamer.

Mangel an Zukunftsskills: mehr elitäre Bildungsghettos

Was aber geschieht in einem Land, das die Bildung der Zukunft weiterhin Unternehmern und vereinzelten Eltern und Lehren überlässt? „Die Elite kann bald auch noch programmieren, die gehobenen Bildungsghettos und deren Abstand zum Rest werden größer“, prophezeit Verena Pausder. „Wir werden Wettbewerbsfähigkeit verlieren – und damit Arbeitsplätze und Wohlstand“, konstatiert Hauke Schwiezer. Und Emer Beamer prognostiziert: „Mangelndes technologisches Verständnis kann zu unbegründeter Angst vor etwas Unbekanntem führen.“

Neue, technologische und reanimierte, menschliche Fähigkeiten werden also wichtiger. Neben dem Wissen um die Funktionen von Maschinen, die Fähigkeiten zum Gestalten – zudem Tugenden wie die des ehrbaren Kaufmanns, Verbindlichkeit, Haltung und Persönlichkeit, wie alle Befragten antworten. Einer aber geht noch weiter.

Ein grundsätzlicher Ansatz: Kompetenzen statt Wissen

John Erpenbeck, Wissenschaftler und Co-Autor des Buchs „Stoppt die Kompetenzkatastrophe – Wege in eine neue Bildungswelt“ (2016), fordert die Abkehr von einer Wissens- zu einer Kompetenzgesellschaft. Für eine ungewisse, sich rasend ändernde digitale Zukunft benötigen Menschen generell Kompetenzen per se – also „die menschliche Fähigkeit, in offenen Situationen selbstorganisiert und kreativ zu handeln“, wie es der 74-Jährige definiert. Diese geistig flexible und nachhaltige Nutzung von Wissen aber lehren Schulen, Hochschulen und Weiterbilder kaum. Stattdessen vermitteln die meisten Information in Bulimie-Logik: Lernende nehmen die Daten schnell auf, erbrechen sie zur Prüfung und vergessen sie anschließend.

Notwendig wird in Zukunft also eine neue Art des Lehrens. „Eine Ermöglichungs-Didaktik“, sagt Erpenbeck und beschreibt ein Beispiel eines Universitätsunterricht zu Software-Technik, bei dem die Teilnehmer in Gruppen von Beginn an sich ihr Wissen zu Apps-Entwicklung selbst erarbeiten – und somit kompetent werden. Kollaborativ und innovativ – klingt nach einer Art Designathon. Das Bild der Zukunftsbildung verdichtet sich.

Hinweis: Diesen Artikel habe ich ursprünglich auf enkelfähig.de veröffentlicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s