Warum Spiele die besten Lehrmeister sind

Ein Kumpel sagt das Väter-Söhne-Wochenende ab, weil sein Spross lernen muss. Ich entgegne: Kommt dennoch, wir pauken mit ihm – über ein Spiel, das wir gemeinsam basteln. Wird das funktionieren?

Kann man mit selbst gebasteleten Lernspielen wirklich besser lernen? (Foto: Maximilian Gaub)
Kann man mit selbst gebasteleten Lernspielen wirklich besser lernen? (Foto: Maximilian Gaub)

Die Schule ist schuld. „Eine Probe in Heimat-und-Sachkunde am Dienstag“, erklärt mir mein Kumpel Marco* (42), Vater von Nico* (10) und Jonas* (8). Er will das kommende gemeinsame Wochenende absagen. Also keine zwei Väter mit vier Söhnen, die 48 Stunden ein Disneyland für Jungs erleben: Kein Star Wars-Fußball mit eigenen Macht-Regeln, kein Augmented Reality-Spaß mit der App Agent-X, kein Game-of-Thrones-Brettspiel. Denn Nico muss lernen: Deutschlands Nachbarländer – deren Lage, deren Hauptstädte. Kommt dennoch, sage ich. Ich habe da eine Idee.

„Wir brauchen Pappe“, sagt mein kleiner Sohn. „Eine unbeschriftete Europa-Karte“, fügt mein größerer hinzu. Dazu Stifte und Schere, weiß ich. Als Marco und seine Jungs am Freitag frühabends bei uns eintreffen, verkünden wir: Wir basteln jetzt. Ein eigenes Spiel. Eine Art Memory. Wir nennen es: Nicos Länderspiel.

Games lösen den Ehrgeiz aus, Herausforderungen anzunehmen

Auf die Idee komme ich aufgrund einer jüngeren Recherche zu einem meiner Lieblingsthemen: der Einsatz von Spielmechanismen, um Menschen zu motivieren (siehe dazu auch: Warum der Einsatz von Game Design ein Skill der Zukunft ist). Vor allem im Lernbereich funktionieren digitale und anfassbare Games wunderbar, weil sie „richtig konzipiert den Ehrgeiz auslösen, gestellte Herausforderungen anzunehmen und deren Aufgaben zu bestehen“, wie mir Thorsten Unger erzählt hatte. Der 43-Jährige ist Geschäftsführer des Bundesverband der deutschen Game-Branche GAME. Spiele motivieren dank einer schnell gefühlten Selbstwirksamkeit, „weil der Spieler eine unmittelbare Rückmeldung erhält.“

20 Karten in Visitenkartengröße haben wir schnell ausgeschnitten. „Nico, die Hauptstadt von Dänemark?“, fragt mein jüngerer Sohn – während er die Farben der Landesflagge googelt. „Kopenhagen“, schreibt Nico auf eine der Karten. „Aber die Flaggen nicht auf beide Karten zeichnen“, interveniert mein älterer Sohn. Sonst merkt man sich als Spieler nicht die Länder-Hauptstadt-Kombination. Sondern nur die Flaggen. „Ein echter Dozenten-Sohn“, denke ich – und stimme ihm zu.

20 Karten später geht es los – fast: Wir definieren die Regeln der Memory-Variante.

  1. Wer dran ist, darf zwei Karten aufdecken.
  2. Gehören sie zusammen, darfst Du sie behalten – wenn Du …
  3. … auf der unbeschrifteten Karte das umgedrehte Land richtig verortest.
  4. Für jedes richtige Paar gibt es einen Punkt.
  5. Sonderregel für Nico: Wenn er ein richtiges Paar korrekt verortet, darf er nochmal.
Lernspiel Länderspiel: Nur Nico darf nochmal, wenn er erfolgreich war. (Foto: Maximilian Gaub)
Lernspiel Länderspiel: Nur Nico darf nochmal, wenn er erfolgreich war. (Foto: Maximilian Gaub)

Dann beginnt das Spiel. Wir mischen die Karten, legen sie 4×5 auf den Tisch. Nico startet, es ist sein Spiel. „Wien“, deckt er auf. Und die zweite Karte: „Deutschland“. „Richtig!“, juble ich. Er lacht – und dreht die Karten wieder um. Nun ist Jonas dran. Als er die erste Karte umdreht, zuckt Nico zusammen: „Österreich“. Jonas bemerkt das nicht – sein zweites, zielloses Ergebnis: „Frankreich“. Zwei Länder – jetzt lachen wir alle.

Und während das Spiel Zug um Zug weiter geht, denke ich erneut an meine Recherche –an das Institute of Play und dessen Projekt an der New Yorker Schule namens Quest to Learn. Die dortigen Didaktiker haben den Großteil des Lernstoffs in Spiele übersetzt. Rechnen zum Beispiel lernen die Schüler anhand eines Raketen-Brettspiels, die sie im Wettstreit möglichst weit ins All schießen müssen. Die Macher werben mit einer Anwesenheitsrate der Schüler von nahe 100 Prozent. Und drei Mathe-Olympiasiegen in den letzten drei Jahren.

Das Spiel hat ein Bedürfnis nach Know-How erzeugt

Nico gewinnt die erste Runde – mit vier eroberten Karten-Paaren. „Nochmal!“, ruft Jonas. So spielen wir Runde um Runde. Und ich stelle fest: Auch Jonas und mein jüngerer Sohn (10) wollen schnell wissen, dass Prag die Hauptstadt von Tschechien ist. Sogar mein größerer Sohn (14!) will mitspielen. Schnell finden es alle unfair, dass nur Nico im Erfolgsfall erneut dran ist. Denn alle wollen gewinnen – ich spüre: ich auch. Der Wettbewerb wirkt , das Spiel hat ein Bedürfnis nach Know-How erzeugt. Wer die Hauptstädte kennt, erhöht seine Siegchancen.

Am Dienstag darauf: In der Probe ordnet Nico alle Hauptstädte richtig den Ländern zu, auch das Verorten in Europa ist ein Kinderspiel. Dafür patzt er im Teil „Höhenlinien auf Karten richtig lesen“. Ich hätte da eine Idee für ein Spiel zu dem Thema.

*Namen habe ich auf Wunsch anonymisiert.

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