Irrtumskompetenz: Wie mache ich Fehler richtig?

Ob als Unternehmen oder Einzelperson: Wer in Zukunft reüssieren will, braucht einen konstruktiven Umgang mit Fehlern. Wie schafft man eine Atmosphäre positiver Irrtumskultur? Beispiele von Microsoft, Adidas, Flixbus und Shiftschool.

Umgang mit Fehlern: Scheiße passiert – und ist ein Motor der Innovation (Foto: Fail Parenting by Gan Khoon Lay / Noun Project)
Umgang mit Fehlern: Scheiße passiert – und ist das Benzin für Innovationen (Foto: Fail Parenting by Gan Khoon Lay / Noun Project)

Wenn Daniel Krauss auf einer Couch Platz nimmt, dann nicht, um sich auszuruhen. Der 33-Jährige hat eben auf einer Bühne über Fehler gesprochen – über die in seinem Unternehmen Flixbus. Er berichtete über Fauxpas beim Recruiting: “Wir haben zu Beginn zu wenig Mitarbeiter mit viel Erfahrung eingestellt.” Oder bei Markteintritten: “Wir haben geglaubt, dass Holland dasselbe Busnetz braucht wie Deutschland”. Jetzt hat einer wie er, der immer unterwegs ist, Platz genommen – und redet über den seiner Meinung nach größten Irrtum: “Den Fehler, Fehler vermeiden zu wollen.”

Die Bühne, auf der Krauss eben launig über Makel gesprochen hat, gehörte zu einer Veranstaltung namens “Fail-Festival” – ein eintägiger Event, der jüngst in Nürnberg stattfand. Ein Event, auf dem erfolgreiche Menschen Fehler, Fehlerkultur, Scheitern thematisierten – auf und abseits der Bühne. Ein Event, organisiert von Teilnehmer der Shiftschool, Deutschlands erster Akademie für den digitalen Wandel.

Wie viel Scheitern lässt ein guter Didakt zu, Tina Burkhardt (Shiftschool)?

 

So erzählt der Head of Design des Bank-Start-Ups N26, Florian Holstein (33) von einer Unternehmenskultur, in der nicht Fehler, sondern Experimente gefeiert werden – ”Wir stellen Hypothesen auf und finden dann in Tests heraus, wie sich Menschen wirklich verhalten. Schließlich hat niemand erstmal eine Ahnung.” Oder wie Hannes Kranzfelder, 48, Mit-Organisator der Konferenz und Manager bei Adidas. Er berichtet, wie lange das Unternehmen benötigte, um das Problem zu lösen, einen Schuh via 3D-Drucker zu produzieren. Und wie Svenja Bock, 35, ebenfalls Co-Organisatorin, die das Ziel des Events formuliert: “Wir wollen einen Impuls setzen, Fehlerkultur in Unternehmen als etwas Positives zu etablieren.”

Viele verstehen: Wer erfolgreich sein will, muss erst scheitern

Das Festival ist Teil einer wachsenden Strömung. Der Trend: Zunehmend mehr Unternehmen verstehen Fehlerkultur als relevanten Motor für Innovationen. Der theoretische Tenor: Wer in Zukunft als Unternehmen reüssieren will, braucht einen konstruktiven Umgang mit Fehlern, um in einer Schnelligkeit Entscheidungen zu treffen, die der rasch tickenden digitalen Ära gerecht wird. Und, um dabei zu lernen. Die Zahlen: 40 Prozent des Erfolgs bei der Digitalen Transformation in Unternehmen hängt von einer irrtumsoffenen Firmenkultur ab, schreibt ein Experte der Strategieberatung Bloom Partners im Manager Magazin. Und eine Studie der Handelshochschule Leipzig ermittelt mangelnde Fehlerkultur als Hauptgrund für den rückläufigen Start-Up-Standort Deutschland. Die Frage aber: Wie etabliert man eine Fehlerkultur, wie macht man richtig Fehler?

Fehlerkultur in Unternehmen 2017: Es sind eher die Top-Manager, die offen mit Fehlern arbeiten (Quelle: Hernst ein Institut für Management und Leadership)
Fehlerkultur in Unternehmen: Es sind bislang eher die Top-Manager, die – angeblich – offen mit Fehlern arbeiten (Quelle: Hernstein Institut für Management und Leadership 2017)

Fehlerkultur schaffen – durch offene Kommunikation

Unter anderem durch gemeinsames Zurückblicken. Magdalena Rogl, 32, ist Head of Digital Channels bei Microsoft. Das Unternehmen steht zu Fehlerkultur, erzählt sie. Zum Beispiel freitags, wenn sie und ihr Team gemeinsam zurückblicken. Meist geht sie voran, spricht von ihren Erkenntnisse der Woche: “Wir schauen uns an: Warum und was können wir anders oder besser machen?”, erzählt sie und berichtet von einem Live-Talk-Format, das Microsoft jüngst startete. Ein Format, das “großartig funktionierte”, aber das schnell daran litt, dass “man einen Talkgast eben nicht super spontan bekommt.” Die Folge: eine erzwungene Auszeit des Formats. Das Learning: vorausschauender einladen. Und warum fördert diese Freitagsoffenheit eine Irrtumskultur? “Weil es so selbstverständlich wird, über vermeintliche Fehler zu sprechen.” Ohne Schuldzuweisungen.

Fehlerkultur kreieren – durch Vertrauen in die Mitstreiter

Fehlerkultur heißt auch: Menschen machen lassen. Wie die 16 Macher des Festivals, die selbst Lernende sind. Sie sind der zweite Jahrgang der 2015 gegründeten Shiftschool, die ihre Teilnehmer 18 Monate lang berufsbegleitend zu Digital Transformation Managern ausbildet – auf immersive Art und Weise. Die didaktische Idee lautet: erlebnisorientiertes Lernen, oft außerhalb der eigenen Komfortzone. Denn wer macht, macht Fehler – und sammelt so Erfahrungen. Das Organisieren dieser Veranstaltung ist daher Teil der Ausbildung. “Um den Event geht es dabei nur vordergründig”, erklärt Tina Burkhardt, 40, Gründerin der Shiftschool. Das Organisieren des Festivals ist das didaktische Vehikel, um die Arbeitswelt von morgen zu simulieren: Rasch komponierte Teams arbeiten in selbstorganisierten Hierarchien. Wie funktioniert hier ein schneller Entscheidungsprozess? Wie präsentiere ich intern wie extern überzeugend neue Ideen? Wie etabliere und pflege ich ein Netzwerk? Und: Wie gehe ich mit Widrigkeiten um?

Fehlerkultur forcieren – durch aktives Einfordern schmerzhaften Feedbacks

“Widrigkeit” ist ein Begriff, den Dominic Stühler als zu soft bezeichnen würde. Wenn der 29-Jährige über Fehlerkultur spricht, formuliert er Sätze wie: “Ich will schnell auf die Fresse kriegen, um zügig Feedback zu bekommen.” Er ist einer, der Fehlerkultur als offensives Einfordern und aktives Erleben von Irrtümern interpretiert. Sein Unternehmen Punk Academy bietet unter anderem Kurse für bessere Präsentationen an – in Formaten, in denen Teilnehmer in Rollenspielen auf die Nase fallen sollen, ja: müssen. So wie er und die Academy, sein fünfter Versuch, ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen: Er beginnt mit raschen Prototypen, und entwickelt diesen auf Basis des Feedbacks potenzieller Kunden weiter. Fehler sind Teil dieses Systems. “Wenn Du alles unter Kontrolle hast, bist du zu langsam.”

Fehlerkultur leben – durch Vertrauen in sich selbst

Eine gesunde Fehlerkultur benötigt daher Selbstvertrauen. Manuel Grassler, 34, entwickelt freiberuflich und beim Talentmanagement-Unternehmen Haufe-Umantis spielerische Workshops. Jüngst zum Beispiel, um einen Kunden mit 80 Menschen in einer Woche soweit zu schulen, “dass sie ihre Sichtweisen zur agilen, digitalen Arbeitswelt der Zukunft zusammenführen und daraus das passende HR-Ökosystem der Zukunft entwickeln.” Täglich schmeißt er dazu den Ablauf um, weil etwas Unvorhergesehenes passiert. Bis meist am dritten des fünften Tages das Tief kommt: “Das schaffen wir nie.” Aber Grassler kennt das, spricht von einer “Creative Confidence”. Seine Erfahrung: kurz nach dem tiefsten Tief macht es Klick: “Und dann ist das Ergebnis da.”

Fehlerkultur kann also Resultate schaffen. Aber wie progressiv ist es für einen Mitarbeiter, wenn der Chef Fehler macht? Flixbus-Mitgründer Daniel Krauss lehnt sich auf der Couch nach vorne: “Die Frage ist vielmehr, wie Chefs mit ihren eigenen Fehlern umgehen.” Seine Erkenntnis: “Wer Fehler zugibt, der zeigt Verletzlichkeit.” Und eine Irrtumskultur braucht bejahende Vulnerabilität um zu wachsen. Denn diese fördert: Vertrauen.

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