„Die Kompetenzen der Zukunft lernen wir nur über Erfahrungen“

Dominic Stühler schafft in seiner Punk Academy tägliche Live-Erlebnisse auf dem Smartphone, um Seminarteilnehmer erfahrungsreich zu schulen. Ich frage ihn: Wie fördert man Kompetenzen der Zukunft?

Business-War-Gamer Dominic Stühler: "Drei Minuten Theorie pro Thema reichen." (Foto: Punk Academy)
Business-War-Gamer Dominic Stühler: „Drei Minuten Theorie pro Thema reichen.“ (Foto: Punk Academy)

Im Büro seiner Punk Academy in Berlin-Kreuzberg deutet vieles auf einen spielerischen Umgang mit der Welt hin: In einem Regal stehen eine Handvoll Boxen des Sammelkartenspiels Magic the Gathering. Gäste sitzen hier auf Bällen. Und der Gründer Dominic Stühler (29) zeigt an seinem Bildschirm ein Produkt seines Unternehmens, ein „Business War Game“: 20-minütige Live-Lernspiele für Teilnehmer, die täglich zehn Wochen lang zum Beispiel ihren Präsentationsskill entwickeln wollen. Skills sind für Dominic Stühler wie Muskeln: „Nur wenn du kontinuierlich trainierst, wirst du besser werden.“

Stichwort Skills. Eine jüngst veröffentlichte Studie zu Kompetenzen der Zukunft prophezeit eine wachsende Relevanz bei interkulturellen, übergreifenden Problemlöse- sowie Team-Skills …  zugespitzt: Lange Zeit wurdest du mit IQ und Fachwissen erfolgreich. Zukünftig sind es emotionale Intelligenz und Erfahrung. Es wird weniger darum gehen, Sacharbeiter-Fähigkeiten zu haben. Die Welt wächst weiter zusammen, die Märkte und die Anforderungen von Kunden ändern sich immer schneller. Entscheidend wird dann sein, wie man als Team Probleme lösen kann. Und daran knüpft sich an: Welche Probleme habe ich bereits gelöst? Bin ich schonmal gescheitert? Wie kann ich mit Frust umgehen?

Skills der Zukunft: "Bei den Soft Skills wandeln sich die Anforderungen signifikant."
Kompetenzen der Zukunft: „Bei den Soft Skills wandeln sich die Anforderungen signifikant“, schreiben die Forscher (Auszug aus Studie von obs/LinkedIn Corporation)

Wie vermittle ich interkulturelle Kompetenz? Komm‘ mit anderen Menschen in Kontakt. Wenn Du in Deinem Dorf bleibst, lernst Du das nicht. Wer in Berlin mit Türken, Afghanen und Rumänen aufwächst, geht damit anders um. Interkulturelle Kompetenz lernt man nur über Erfahrungen.

Ulrich Weinberg sprach jüngst mit der ZEIT (siehe Video unten) über den WeQ – den emotionalen Wir-IQ. Wie fördere ich Teamfähigkeit?  Zum Beispiel, indem ich als Lehrender gezielt Dinge provoziere, die eine Teamdynamik kaputt machen – um den Leuten bewusst zu machen, wie sie mit anderen Menschen umgehen. Es geht um eine Haltung, ein Mind-Set.

Ein Beispiel für so eine inszenierte Provokation? Wir bauen stets ein Buddy-Verhältnis zwischen zwei unserer Teilnehmer auf. Irgendwann müssen sie dann um das Budget kämpfen für ihr Team kämpfen. Und steigen dabei mit ihrem Buddy in den Ring, müssen dessen Fehler aufdecken – und so gewinnen. Wie verhalten sie sich in solchen Drucksituationen?

Wie lernen Menschen ein Mind-Set? Über Erfahrungen, indem sie Situationen bewältigten – oder eben nicht. Über das Reflektieren mit einem Menschen, der mehr Erfahrungen hat. Emotionale Skills wie gegenseitige Wertschätzung und respektvoller Umgang aber sind schwerer beizubringen. Man braucht mehr Zeit als bei einem rationalen Skill – wie Du super in Excel wirst, das bringe ich Dir schnell bei.

Ist das Kennen des Ichs ein Skill der Zukunft? Auf jeden Fall. Zu wissen, wer ich bin, was meine Stärken sind. Als Lehrender schaffe ich dazu eine Umgebung, in der du dich ausprobieren kannst. In der keiner steht und sagt: Das hast du kacke gemacht, du verlierst deinen Job. Einen Sandkasten in dem du experimentieren und dich ausprobieren kannst: Wer bist du? Was glaubst du NICHT zu können? Und wo liegt deine Superpower?

Warum das Experiment? Viele Menschen ziehen eine Linie. Zwischen dem, was sie glauben zu können – und dem, was sie wirklich können. Durch unsere Challenges finden sie es heraus.

Auf der Webseite Deiner Punk Academy  steht: „Fuck Education – Wir schaffen schlechtes Lernen ab“ … Was ist so schlecht an der aktuellen Bildung? Sie ist realitätsfern, getrieben von einem Informationszeitalter, in dem wir uns nicht mehr befinden. Es kommt immer noch nur auf Daten und Fakten an. Viele Studenten erfahren einen Bruch, wenn sie aus der Uni in die Arbeitswelt kommen. Ein Lehrer aus Bayern hat mir erzählt, dass er ein einziges Mal in seinem Studium an einer Schule vor Schülern war. Ein einziges Mal! Und: Leute fallen unter den Tisch, weil sie entweder sehr schlecht oder sehr gut sind.

Unser Bildungssystem ist getrieben vom Informationszeitalter – in dem wir uns nicht mehr befinden.

Auf die Bildung zu schimpfen macht die nächste Generation nicht fitter für die Zukunft. Was können Eltern tun, um ihre Kinder neben der Schule fit für 2030 zu machen? Was meine Eltern gemacht haben, was ich Ihnen hoch anrechne: Sie haben mir nie das Gefühl gegebe, dass ich der Fehler im System bin. Und das, obwohl ich massiv angeeckt bin. Daraus habe ich eine Stärke entwickelt, auch abseits der Schule. Zudem: Gebt euren Kindern zuhause alternative Lernerfahrungen. Wie ein Bekannter, der mit seiner Tochter seine Vespa komplett zerlegt und wieder zusammengebaut hat.

In einem Interview mit Markenkonstrukt.de berichtest Du von Deinen ersten, erfolglosen Schritten als Dozent. Wie wichtig ist der Umgang mit dem eigenen Scheitern in der Zukunft unserer Arbeitswelt? Ich scheitere jeden Tag tausende Mal. Zum Beispiel jüngst: Da verschluckte sich unser System an der Zeitumstellung – und schickte allen Teilnehmern Aufgaben. An einem Sonntag um 23 Uhr. Solche „Fehler“ passieren jeden Tag: ein Mitarbeiter ist unzufrieden, Behörden verbieten etwas … Ich wurde ab dem Zeitpunkt erfolgreich als ich verstanden habe, dass es mein Job ist, mit diesen Problemen umzugehen. Vorher dachte ich: „Es kann doch nicht sein, dass …“, hatte das Mindset „Ich will das vermeiden“ – ich hatte Schiss, meine E-Mails zu öffnen. Heute stehe ich auf und versuche, Probleme zu lösen. Das macht den Unterschied.

Ich lege 100 Prozent Wert auf das Feedback von Kunden – aber 0 Prozent auf das, was jemand über mich persönlich denkt.

Warum wird der Umgang mit Fehlern als Kompetenz in Zukunft noch wichtiger? Kunden machen die Ansagen heute. Wenn Du Dich nicht mit denen unterhältst, fragst, was beschissen läuft, dann verlierst Du. Die Schwierigkeit ist: Du musst navigieren lernen.

Navigieren? Ich lege 100 Prozent Wert auf das Feedback unserer Kunden und Nicht-Kunden – aber 0 Prozent auf das, was irgendjemand über mich persönlich denkt. Diesen Unterschied zu kennen, befreit und lässt mich Entscheidungen treffen, die uns erfolgreich machen und sich sonst keiner traut. Beispiel: Wir negieren Hierachien und so treten wir auch auf. Deshalb haben wir  vertrauensvolle Verhälntisse zu Geschäftsführern und Vorständen, darunter auch DAX-Unternehmen.

Business War Games: Präsentieren lernen dank täglicher Mini-Dosen simulierter Arbeitsrealität. (Foto: Punk Academy)
Erfahrungen per Smartphone: Präsentieren lernen dank täglicher Mini-Dosen simulierter und manchmal frustrierender Arbeitsrealität – Stühler nennt diese Didaktik „Business War Games“ (Foto: Punk Academy)

Dein Unternehmen lehrt unter anderem, Ideen besser zu präsentieren. Ein schneller Tipp, wie man eine Idee auf den Punkt bringen kann? Einer unserer Ansätze ist die Trump Summary: Mit einer Idee in einem Satz überzeugen, obwohl sie mega komplex ist. Es ist eine Formel, mit der Du schnell kommunizierst: Worum geht es bei deiner Idee, deinem Produkt? Und den anderen so sehr reizt, dass der sagt: Erzähl mir mehr. So funktioniert die Formel:

Die Trump Summary

  1. Das Endergebnis, was der Kunde haben will. Beispiel eines Powerpoint-Zusatztools: Sie erhalten damit überzeugende Folien …
  2. Die Zeit, in der er das erreicht:  ... in wenigen Minuten …
  3. Und etwaige Vorbehalte vorweg genommen: … ohne Designverständnis haben zu müssen.

Du inszenierst Dich selbst als jemanden, der sich selbst radikal geändert hat –  vom schüchternen Physikstudenten zum extrovertierten Präsentations-Experten. Wie wichtig wird es in Zukunft, seine eigene Geschichte interessant zu erzählen? Sehr wichtig. Das nennen wir Signature Story. Warum beschäftigst Du Dich mit Dingen? Das Warum ist wichtiger als das Was (siehe Youtube-Video unten). Warum ich Dinge tue, deswegen folgen mir Kunden. Und das gilt für jede Branche. Jeder sollte eine Geschichte zu sich erzählen können. Immer.

Dass ich auf der Bühne mit zerrissenen Hose stehe und „scheiße“ sage, finden viele ätzend und gehen aus meinen Vorträgen raus. Andere finden es befreiend und feiern mich dafür. Zu wissen, wer man ist, wo man herkommt, was man kann und was nicht – und damit transparent umgeht – das macht sympathisch und macht Menschen greifbar. Ich kann sie so besser einschätzen  …

…Das schafft Vertrauen. Und fördert: Authentizität.
Genau. Schönes Schlusswort.

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