Das böse Computerspiel: „Aber wenn mein Verbot dem Kind in Zukunft schadet?“

Verena Gonsch hat ein Buch geschrieben, das die Vorteile von Smartphone und Videospiel für Kinder beleuchtet. Ich frage sie: Wenn Computerspiele die Kompetenzen fördern, die morgen wichtig sind – wie wenig Game ist dann noch gut für unseren Nachwuchs?

Pro-Smartphone-Autorin Verena Gonsch: "Vielen Eltern ist es zu anstrengend, mit der Digitalisierung Schritt zu halten." (Foto: Verena Gonsch)
Pro-Smartphone-Autorin Verena Gonsch: „Vielen Eltern ist es zu anstrengend, mit der Digitalisierung Schritt zu halten.“ (Foto: Christian Spielmann)

Auch sie war eine Stoppuhr-Mutter. Doch irgendwann bemerkte Verena Gonsch (52) , dass ihr 15jähriger Sohn „manche Videospiele nicht einfach nach Punkt zwanzig Minuten wegklicken kann, weil da ein ganzes Team von Mitspielern dranhängt.“ Weil es ein soziales Event war. Und dass Games nicht nur aus Schießen bestehen. Also wurde sie erst Computerspiel-Versteherin, fragte auf Elternabenden nicht mehr mit Weltuntergangsstimme „Liest Dein Kind eigentlich noch?“ – und schrieb ein Buch mit dem Titel „Digitale Intelligenz – warum die Generation Smartphone kein Problem, sondern unsere Rettung ist“ (rund 13 Euro, Bastei Entertainment).

Werfen Ihnen andere Eltern seit dem Erscheinen Ihres Buchs im Dezember 2017 nun Tomaten nach? Im Gegenteil. Ich spüre ein kollektives Ausatmen. „Endlich mal eine entspannte Sichtweise“, sagen mir viele. Und Medienpädagogen berichten mir, wie sie an Schulen zwischen den Fronten „Keine Smartphones, keine Tablets!“ und „Ihr sollt den Kindern Medienkompetenz beibringen“ zerrieben werden. Unser Land ist da gespalten. Fast ideologisch.

An folgender Frage werden Sie merken, auf welcher Seite ich stehe: Wie wenig Computerspielen ist heute noch gut für Kinder? Ein Achtjähriger sollte schon eine halbe Stunde am Tag spielen dürfen. Es geht um das Kennenlernen der Medien – und das möglichst mit den Eltern. Die heutigen Eltern, die zu Games „Nein“ sagen, erinnern mich an die Väter und Mütter aus meiner Kindheit, die Süßigkeiten und Fernsehen verboten. Deren Kinder sind später die totalen Junkies geworden, haben irgendwann bis zum Abwinken Fernsehen geschaut oder Süsskram gefuttert. Ich plädiere daher für eine dosierte Nutzung.

Der Brief von gestern ist heute eine E-Mail. Der Laden von gestern ist heute ein Online-Shop. Und das Spiel von gestern ist heute ein Game. Das Meiste akzeptieren wir als Fortschritt. Aber warum haben so viele Eltern Angst vor Videospielen? Das hat etwas mit unserer Tradition zu tun hat. In Deutschland gibt es noch immer eine Technologie-Skepsis. Wir sind zwar Maschinenbau-Exportweltmeister, aber das Bildungsbürgertum schätzt vor allem das Lesen und Schreiben. Und: Elternsein ist in Deutschland viel befrachteter als in vielen anderen Ländern. Ob aus dem Kind etwas wird oder nicht, dafür wird in Deutschland vor allem die Mutter verantwortlich gemacht. Seit dem Zweiten Weltkrieg wollte niemand mehr, dass der Staat sich in die Erziehung einmischt. Und in Deutschland gab es länger als in anderen westeuropäischen Ländern die Hausfrau, die sich komplett um die Familie gekümmert hat. Das lastet auf vielen Eltern, wie man an den Regalen voller Ratgeber sieht. Sie wollen alles richtig machen. Und das gilt auch für die Computerspiele.

In Ihrem Buch zitieren Sie Studien: „Je kritischer die Eltern auf die Computerspiele und die Internetnutzung ihrer Kinder schauen, desto weniger fühlen sie selbst sich in der digitalen Welt sicher.“ Wie erklären Sie sich diesen Zusammenhang? Das ist die Vogel-Strauß-Methode. Die Hälfte der Eltern weiß gar nicht, was ihre Kinder am Rechner machen. Und sagen von vorneherein: Das will ich nicht. Die Eltern, die sich mit ihren Kindern hinsetzen – die sehen, was ihr Nachwuchs davon hat. Die finden einen Ansatz zu einem Gespräch mit ihren Kindern. Die können dann auch nach einer Stunde zu ihnen sagen: Komm, wir gehen raus, lass uns Ballspielen.

Medienvorbehalte gab es schon immer.

Ist das Videospiel das, was die Rock-Musik gestern war? Ja, Medienvorbehalte gab es schon immer. Bei vielen aus meiner Generation waren es die Comics. Die durfte man nicht haben. Noch früher hieß es: „Nicht zu viel lesen, das ist schlecht für die Augen!“ Und für diese Generation sind es die Games. Vielen Eltern ist es zu anstrengend, mit der Digitalisierung Schritt zu halten.

Wie war das für Sie – Sie waren ja auch Game-Laie, als Sie Mutter wurden. Ja, ich war auch so eine Stoppuhr-Mutter, habe nach einer halben Stunde den Stecker gezogen. Aber irgendwann habe ich mir mal die Spiele erklären lassen. Und viele von denen funktionieren eben nicht nach Stoppuhr. Man hat eine Gruppe von sechs Klassenkameraden, man baut zusammen an etwas im Netz. Wenn da eine Mutter oder ein Vater den Stecker zieht, dann ist das Gruppenerlebnis weg. Das ist so, als würde man einer Mannschaft den Ball wegnehmen. Und da entsteht viel Frust bei den Kindern. Und wer nicht mitreden kann, wird sozial ausgegrenzt. Das sollte man ihnen nicht antun, sondern mit ihnen lernen.

Ich glaube: Was der Bauer nicht kennt, das mag er nicht.

Jüngst erlebte ich einen Vater, der das abendliche digitale Fußballspielen zu viert mit dem Kommentar bedachte „Sowas gibt es bei uns nicht, wir kicken lieber in echt“ … Dieser Vater wird die Sportschau am Samstag gucken. Experten berichten, dass das Game ein Spannungserlebnis ist wie Fußball im Fernsehen. Ich glaube: Was der Bauer nicht kennt, das mag er nicht. Es ist neu für uns, fremd. Und die Stimmung in Deutschland ist ja: Du schadest Deinem Kind, wenn Du da zu nachlässig bist.

Was kann Kindern passieren, wenn man ihnen heute das Game vorenthält? Da würde ich über das Game hinaus antworten – und auf das ganze Smartphone eingehen. Die Chancen, die man den Kindern verwehrt, die sehen viele nicht. Ich hab nun erste Bekannte mit studierenden Kindern. Und da sehe ich den Unterschied. Die Eltern, die das Digitale vehement verboten haben – deren Kinder sind heute nicht so in der Lage, dem Studium zu folgen wie andere. Es ist nicht mehr mit Powerpoint oder Excel getan …

… Sie sprechen von einer generellen Netzkompetenz? Ja. Kinder müssen heute gelernt haben, ihr Netzwerk bei Problemen gezielt zu nutzen. Oder wissen, wie sie Instagram einsetzen. Das lernt man über Jahre: Wie baut man sich ein Netzwerk auf, wie pflege ich das? Wer hat welche Stärken? Und praktiziert Teamarbeit. Das braucht man für den Beruf und das Studium. Die, die das früher nicht gelernt haben, müssen das mühsam nachholen. Folgender Gedanke ist bei erst bei wenigen angekommen: Wenn ich etwas verbiete, schade ich damit meinem Kind.

Sie sprechen vom Lernen für die Zukunft. Was lernen Menschen in Computerspielen? Dazu ein Studienergebnis aus der Demenzforschung: Eine halbe Stunde Videospielen am Tag stimuliert die kognitive Leistung des Gehirns. Computerspiele haben also auch positive Effekte. Das sehen viele nicht. Kinder lernen zudem vernetztes Denken, strategisches Denken, Wettbewerbsfähigkeit, motorische Fähigkeiten auch. Das kann man auf viele berufliche Tätigkeiten später übertragen.

Und was haben Sie von Games gelernt? Ich war mit meinem Sohn zwei Mal auf der Gamescom in Köln. Wenn man da alle phantasievollen Verkleidungen sieht, die Rollenspiele, die Fantasy-Bücher und – Filme und was noch mit Games verbunden ist, dann kann man die Faszination sehen. Und kann sagen: Das ist auch Literatur, das ist Bildung, das ist Kultur.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Wissenschaftlicher für die Diagnose „Spielsucht“ definieren, dass sich diese Menschen ständig mit der Frage beschäftigen, wann sie wieder am Rechner sind – und dass sie die Dosis stetig steigern müssen bis hin zu 10 bis 12 Stunden täglich. Warum diagnostizieren viele Eltern Suchtverhalten bereits, wenn ein Kind 30 Minuten pro Tag auf den Bildschirm schaut? Weil sie unter den 30 Minuten leiden. Gefühlt sind das zehn Stunden. Was macht der da? Was passiert mit ihm? Dabei gibt es einen Test. Suchtkranken wird in Kliniken folgende Frage gestellt: Du bist jeden Tag alleine in einem Raum, den ganzen Tag da drin ist, du bekommst das Essen reingeschoben und immer den höchsten technischen Standard Deiner Gaming-Geräte …

Und dann? In der Klinik wird der Patient gefragt, ob er das möchte. Wer „ja“ sagt, ist wahrscheinlich suchtkrank. Aber das sind überwiegend junge Männer Anfang 20, die in früheren Zeiten eventuell andere Süchte gehabt hätten. Dann ist der Computer ein Ersatz für fehlende soziale Kontakte. Für ein fehlendes lebendiges Leben. Das hat mit den Kindern nichts zu tun, die eine halbe Stunde fasziniert davor sitzen.

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