Umarmt die digitale Revolution – oder sterbt aus!

Zuviel neue Medien machen dumm? Kompletter Blödsinn, liebe Fortschritts-Feiglinge. Warum wir mehr statt weniger Digitales in unser Leben lassen sollten.

Arm in Arm in die digitale Zukunft: das Smartphone kreativ nutzen (Foto: Friends by Les vieux garçons / Noun Project)
Arm in Arm in die digitale Zukunft: das Smartphone kreativ nutzen (Foto: Friends by Les vieux garçons / Noun Project)

Der Ur-Schisser war Platon. Das Medium Schrift schädigt unser Gedächtnis, sorgte er sich. Später warnte der Philosoph Johann Adam Bergk vor Antriebslosigkeit – als Folge von zu viel Buchkonsum. Die Bedrohung hieß damals „Romanleserey“. Und britische Ärzte befürchteten bleibende Hirnschäden bei rasanten Fahrten bei bis zu 50 Kilometer pro Stunde. Die Gefahr: eine Innovation namens Zug.

Früher „Romanleserey“, heute „Digitale Demenz“ – immer: Quatsch.

Diese Fortschrittsfeiglinge. Hätte sich diese Zunft der Warner durchgesetzt, würden wir heute auf dem Weg in die Arbeit an einer Haltestelle ohne Namen auf eine Kutsche warten – lektürefrei. Aber Großmutter Geschichte lehrt uns: 1. Einer mahnt immer. 2. Fortschritt sticht Mahner.

Die Johann Adam Bergks unserer Zeit heißen Manfred Spitzer, Harald Stelzer oder Alexander Markowetz. Die „Romanleserey“ firmiert unter neuen Namen. In Büchern und Beiträgen heben sie den Zeigefinger mit Titeln wie „Digitale Demenz“, „Cyberkrank“, „Das Herrschaftsinstrument Smartphone“ oder „Digitaler Burnout“. Und so warnen die modernen Maschinenstürmer …

1. Manfred Spitzer: Wir verdummen

Erstens vor Verdummung. Hirnforscher Manfred Spitzer mahnt: Navigationsgeräte töten Orientierungskompetenzen. Gespeicherte Telefonnummern und Termine greifen die Gedächtnisleistung an. Und das Internet zerstört eigenständiges Denken. „Unser Gehirn funktioniert (…) wie ein Muskel: Wird er gebraucht, wächst er; wird er nicht benutzt, verkümmert er“, weiß Spitzer.

2. Alexander Markowetz: Ständige Erreichbarkeit laugt uns aus

Zweitens vor gesundheitlichen Gefahren. Die digitale Ära ist „weitaus schlimmer für die Menschheit als es Nikotin je war“, sagt Spitzer. Ein weitaus schädlicherer Stoff sind zum Beispiel Videospiele, World of Warcraft eine Droge. Sie verwahrlost, vereinsamt, macht lern- und beziehungsunfähig und kriminell. Und Buchautor Alexander Markowetz („Digitaler Burnout) mahnt: „Ständige Erreichbarkeit und Interaktion laugen uns aus.“ Alle 18 Minuten unterbrechen wir unsere Tätigkeit durch einen Blick auf das Smartphone. Wir verlieren sie Momente der Konzentration und der Ruhe. Seine Theorie: Die Digitalisierung ist verantwortlich für die Zunahme psychischer Probleme.

3. Harald Welzer: Das Smartphone als Werkzeug der Diktatur

Und drittens vor einer politischen Gefahr. So stellt Soziologe Harald Welzer ein Warnschild vor die Digitalisierung. Schließlich ist sie „eine herrschaftstechnische Innovation.“ Eine neue Form der Diktatur, gespeist aus einer „porenlosen Transparenz“ wie es totalitäre Systeme lieben: Das Handy informiert die Oberen ständig über unser Privatleben. Sein Rat: Werfen wir das Smartphone weg, „solange noch Zeit dazu ist.“

Bitte nicht.

„Wer sich dem Fortschritt verweigert, der kann ihn nicht mitgestalten“, sagt Tobias Burkhardt, Gründer von Deutschlands erster Akademie für den Digitalen Wandel. Die Technologie ist nicht das Problem, sagt er. „Sondern die Einstellung dazu.“ Lassen wir also mehr Digitales in unser Leben, sehen wir die Chancen darin, umarmen wir die Einsen und Nullen. Vergessen wir das „Früher war alles besser.“

Früher war alles besser? Morgen ist alles anders!

Denn morgen ist alles anders. Dieser Planet digitalisiert und vernetzt sich zunehmend. Nach Computern und Menschen beginnen nun auch Teile jeder Maschine, sich via Internet zu verbinden. Roboter werden so schlauer – und nehmen uns zunehmend Arbeit ab. In den kommenden 20 Jahren, schätzten Forscher der Bertelsmann-Stiftung, wird ein „digitaler Darwinismus (…) immer mehr Berufsgruppen und Tätigkeiten durch Automation“ ersetzen. Uns bleibt ein „Nicht-lineares Denken als menschliche Domäne“, schreibt die Universität St. Gallen in einer Studie zur Zukunft der Arbeitswelt. Bedeutet: Die Kontrolle der Maschinen, das Schaffen neuer Technologie, das Experimentieren, das Unternehmertum – und das lebenslange Lernen.

Schnuppern wir also besser an den Kompetenzen, die wir in dieser Zukunft vermehrt brauchen: Programmieren, um die Maschinen zu verstehen; Innovationsmethoden, um kreativ zu bleiben; Resilienz, um das Experimentieren nicht nach der ersten Niederlage aufzugeben; Und Offenheit für das Neue, der zentrale Skill von morgen. Wenn die alten Fitnessgeräte für das Gehirn verrosten: Nicht warnen, nicht mahnen – sondern: zu neuen Hanteln greifen.

Games als Entrée in die Welt des Codes

Programmieren können wir zum Beispiel über Games kennenlernen. Sie sind ein elegantes Entrée in die Welt des Codes. Die New York Times adelte jüngst das virtuelle Lego-Spiel Minecraft als didaktisches Gold für die digitale Welt von morgen, weil „es ein Platz ist, an dem Kinder heute komplexe Maschinen erfinden, darüber Videos drehen, eigene Server dazu aufsetzen, auf denen sie mit ihren Kumpels rumhängen.“ Also: Smartphone nicht wegschmeißen, sondern vernetzt mit dem Nachbarsjungen gemeinsam eine digitales Haus bauen.

Dabei saugen Games eben nicht an unserer Lernfähigkeit. Im Gegenteil. Games entwickeln die fluide Intelligenz, die für das Problemlösen verantwortlich ist. Sie wächst, wenn wir Neues erkunden, uns selbst herausfordern, kreativ denken und netzwerken – Tätigkeiten, die Spieler von World of Warcraft kennen. Der US-Autor Gabe Zichermann erklärt den Flynn-Effekt, die Tatsache, wonach die fluide Intelligenz weltweit seit den 1990ern steigt, mit dem Erscheinen von Videospielen (siehe Video ab 6:55).

Was macht der Mensch, wenn die Maschine schon alles erledigt hat?

Und es ist genau die Art Intelligenz, die wir in Zukunft brauchen, um Lösungen für Probleme zu finden, die wir heute noch nicht kennen. Die andere, die kristalline, Version speist sich aus Allgemeinbildung und Schulwissen – und wird obsoleter dank eines ständigen Zugangs zum Weltwissen. Personen befördern kann heute jeder, der einen Führerschein und ein Navi hat. Das monatelange Auswendiglernen von Straßennamen ist überflüssig geworden. Die Kernfrage ist daher: Was macht dieser Mensch stattdessen in dieser Zeit – vor allem, wenn auch das Taxi bald von alleine fährt?

Zum Beispiel übt er das Innovieren. Eine Möglichkeit dafür sind Hackathons – ursprünglich Events, bei denen Nerds in Garagen um die Wette Software-Prototypen programmierten (cooler: hackten) – und das die Nacht durch (Marathon). Heute sponsern Unternehmen diese meist kostenlosen Veranstaltungen, bei denen je nach Veranstalter interdisziplinäre Gruppen aus Coder, Designer und inhaltlichen Experten digitale Ideen innerhalb von 24 Stunden in Version 0.1 ausarbeiten und präsentieren. Viele Teilnehmer schwärmen von der kollaborativen Atmosphäre. Vor allem Einsteiger berichten, dass sie nirgends mehr lehren und lernen als hier.

Nutzt das Smartphone selbst gestaltend!

Fortschritts-Mutige gehen also der Digitalisierung entgegen. Wer sein Smartphone kreativ und aktiv nutzt, wird keinen Burnout davon tragen. Wer damit Filme dreht und schneidet, Bilder komponiert und bearbeitet, wer ausprobiert, damit einen eigenen Blog zu füllen, der gestaltet mit. Wer zudem neue Apps ausprobiert und versucht, einen Sinn für seine Branche dafür zu finden, bleibt im ständigen Kreations-Sparringsmodus: Was kann der Journalismus zum Beispiel von Pokemon Go lernen? Und wer die neue Transparenz der Daten als eine Chance sieht, um eine neue Kultur des Verzeihens von Fehlern und Verfehlungen zu etablieren, der versucht, das Positive im nicht aufzuhaltenden Fortschritt zu entwickeln.

Aber, leider steckt in jedem von uns ein Fortschritts-Schisser. Das wusste bereits Douglas Adams – er formulierte sinngemäß: Was da ist, wenn wir auf die Welt kommen, nehmen wir als normal hin. Was entsteht, bis wir 30 sind, sehen wir als Chance. Und alles, was danach kommt, ist ein Niedergang der Kultur. Daher: Wer alt ist, muss mutig sein, um dem Fortschritts-Schweinehund einen Maulkorb umzuschnallen. Also seien wir echte Kerle! Schließlich zeigt die Geschichte: Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

Hinweis: Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form im Magazin für nackte Wahrheiten, im Playboy.

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